Freiheit bis in das Grab

Die kleine Pferderanch in Arizona war die Erfüllung eines langehegten Traums. Sie wollte Pferde züchten und sie artgerecht ausbilden. Dafür war sie, gegen den Willen ihrer Mutter, aber mit verständnisvoller Unterstützung ihres Vaters, von Bayern in die USA emigriert.

Es überraschte sie nicht, dass ihr Vater sich bei seinem ersten Besuch in den USA sofort wohlfühlte auf ihrer geliebten Ranch. Sie nahm ihn mit auf Reitausflüge und zeigte ihm die Weite des trockenen, sonnigen, menschenleeren Landes, zeigte ihm die Berge und die wilden Tiere,  die wunderschönen Sonnenauf- und -untergänge. Ihr Vater, so hatte sie den Eindruck, blühte bei diesen Ausflügen auf. Zugleich schien er im Rhythmus des Ranchlebens innerlich zur Ruhe zu kommen. Beide waren sich so nahe, wie nie zuvor.

Überrascht und ja,  ein wenig schockiert war sie dennoch, als er sie am Ende seines Aufenthaltes bat, ihn, wenn er stürbe, in einer Ecke auf ihrer Ranch zu begraben. Sie stimmte zu. Nicht lange danach ereilte ihn, zurück in Deutschland, ein Schlaganfall. Sie sorgte für die Überführung seiner sterblichen Überreste und begrub ihn mit einer kleinen, sehr persönlichen Zeremonie  in einer stillen, schönen Ecke ihrer Ranch.
Seitdem besucht sie dort jeden Abend sein Grab und genießt nach ihrem Tagwerk die stillen Minuten mit ihrem Vater.

In Deutschland ist es verboten, seine Liebsten auf dem eigenen Grundstück zu begraben. Im letzten Jahrhundert gab es ernstzunehmende Gründe für dieses Verbot, unter anderem der Gewässer- und Seuchenschutz. Aber gelten diese Gründe auch heute noch? Eine Abnahme der Begräbnissstelle durch einen Sachverständigen könnte verhindern, dass das Grab gesundheitliche Gefahren verursacht. Eine Eintragung im Grundbuch könnte dafür sorgen, dass der Tote, auch bei einem Eigentümerwechsel, zwanzig Jahre im Grab verbleibt, bis die Verwesung abgeschlossen ist.

Angehörigen die Trennung von ihren Toten aufzuerlegen, vor allem, wenn sie und der Verstorbene sich doch dafür entschieden haben, beieinander zu bleiben – Tote generell auf einen zentralen Friedhof zu verbannen – Sollten wir uns nicht davon in diesem Jahrhundert verabschieden?

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