Sport höhlt den Stein

Sport ist wunderbar. Er macht Spass, trainiert den Körper und legt dadurch, wie viele Mediziner betonen,die Grundlage für ein funktionierendes Gehirn, oder poetischer ausgedrückt, für einen gesunden Geist. Darüberhinaus ist er, wie vor allem Sportfunktionäre hervorheben, der Initialzünder für  Integration, Völkerverständigung in einem und zwischen Ländern. Integration  bedingt, dass Vorurteile, die eine Verständigung ausschließen oder behindern, revidiert werden.

Kann Sport das überhaupt leisten?

Im Supermarkt wurde ich unfreiwillig Zeugin der folgenden Begebenheit: Eine Dame, um die fünfzig, und ein Herr, Mitte dreissig, erörterten zwischen Tomaten und Fischdosen den Fall von zwei afrikanischen Fussballspielern, die bei dem Versuch zu Dopen von Kontrolleuren erwischt worden waren.

„Sie haben sich einfach bei den Kontrollen abgewechselt, Brüder, die haben die Kontrolleure ausgetrickst.“

Er: „Ja, die sind ja auch alle schwarz. Die sehen ja alle gleich aus.“

Eine erstaunliche Antwort, fand ich.

Sind Gesichter von Menschen mit dunkler Hautfarbe so austauschbar wie Tomaten? Sind sie, wie Sardinien in einem großen Fischschwarm, nur noch Teil einer undefinierbaren Masse? Verlieren wir mit der Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse zugleich auch das Recht auf Individualität?

Die Forscher Dahl, Logothetis, Bülthoff und Wallraven haben herausgefunden, dass Affen ausschließlich bei Artgenossen individuelle Gesichter unterscheiden können. Bei Tieren anderer Gattungen gelingt es ihnen nicht.

Das lässt die Frage aufkommen, ob wir Menschen, was das angeht, sogar noch unfähiger sind als Primaten. Erkennen wir selbst in unserer eigenen Gattung keine Individuen, sobald sie einer anderen menschlichen Rasse angehören oder eine andere Hautfarbe haben?

„Rothaut“, „blaue Ameise“. Begriffe, die Individualität ausgrenzen, vergeben wir immer dann an Menschen, wenn sie weit von unserer direkten Lebenswelt entfernt sind.  Vor allem aber,  wenn wir uns ihnen überlegen, andererseits aber auch latent von ihnen bedroht fühlen.

Wir sind jedoch durchaus fähig, uns von derartigen Begriffen und den damit verbundenen Einstellungen zu emanzipieren. Den wirtschaftlich erfolgreichen Chinesen schreibt heute wohl niemand mehr eine gesichtslose Massenidentität zu. Die politische Profilierung der roten Indianer Nordamerikas hat ihnen auch in der öffentlichen Wahrnehmung ein differenziertes Gesicht gegeben. Die eigentliche Grundlage solcher „Gesichtsgewinnungen“ sind allerdings immer direkte, menschliche Begegnungen. Erst wenn sich Menschen anfangen, einander ins Gesicht  zu schauen, erkennen sie auch einander.

Sport kann die Arroganz, inneren Ängste und Barrieren, die eine de-individualisierende Einstellung bedingen, in Menschen nicht auf einen Schlag beseitigen. Aber Sport kann durch wiederholte direkte, menschliche Begegnung von Sportlern und Fans helfen, sie abzubauen. Allerdings reicht ein einzelnes Sportevent dafür nicht aus. Immer und vor allem gilt bei dieser Aufgabe:

Nur steter (Trainings-) Tropfen höhlt den Stein.

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