Mit den Augen der Anderen

Sie hat es geschafft, diese junge Haitianerin!

Nach dem traumatischen Mord an ihrer Mutter, einer einfachen Ladenbesitzerin, ist Danielle als Teenager in die USA emigriert. Sie hat sich hochgearbeitet, ist Lehrerin geworden.

Auch im Privatleben hat sie es geschafft. Vor kurzem ist sie mit ihrem Vorgesetzten, dem Direktor der experimentellen Primarschule zusammengezogen, wenn auch heimlich. Aber geht es ihr bei alledem gut?

Ihr Leben bricht auf, als Danielle eines Morgens einen Knoten in ihrer Brust entdeckt. Sie erinnert sich, dass Ihre Mutter sie als Teenager gedrängt hatte, Schmetterlinge lebend zu fangen und auf ihren Brustwarzen zu verreiben. Das sollte ihr große Brüste schenken. Sie war dazu innerlich nicht fähig gewesen. Ist der Knoten, der nun ihre Brust aufbläht, die Strafe dafür? Versucht Ihr Körper nachträglich, gleichwohl auf monströse Weise, dem Wunsch Ihrer Mutter zu folgen?

Ihre Beziehung zu ihrem Schuldirektor, er liebt sie, ja, Danielle weiss es. Und gleichzeitig drängt er sie mit sanfter Liebe dazu, eine Verlängerung seines Lebens zu sein. Wen liebt er da wirklich? Und liebt SIE ihn eigentlich?

Danielle wollte Kinder davor bewahren, zu Mördern zu werden. Daher ist sie Lehrerin geworden, daher lehrt sie auch an dieser Schule für unterpriviligierte, haitianische Immigrantenkinder. Aber Danielles Gutmenschsein, ihr hehres Ideal, es bricht an jenem Morgen zusammen. Danielle merkt, sie ist nicht interessiert an den Kindern ihrer Klasse, nicht an ihren Eltern.  Sie ohrfeigt an diesem Tag einen Schüler, der frech ihren Unterricht, im Grunde sie als Person regelrecht torpediert. Danielle empfindet keine Scham, sie empfindet Genugtuung über diese Ohrfeige. Sie gilt jener Sorte von Menschen, die ihr ihre Mutter genommen haben, die sie zutiefst verletzt haben.

Eine Sorte Mensch, die aber doch triumphiert, in der Gestalt ihres Schülers, der mit Genugtuung miterlebt, wie Danielle vor einen schulinternen Ausschuß zitiert und dort von seiner verärgerten Mutter selbst eine schallende Ohrfeige empfängt. Danielle hat, so die Mutter, als der Lehrerin die Hand ausrutschte, nicht die Würde und menschliche Integrität ihres Sohnes geachtet.

Die Ohrfeige ist die Fanfare für Danielles Scheitern gegenüber den Ansprüchen der anderen, denen sie, sehnsüchtig nach Liebe, entsprochen hat. Die Ansprüche, die sie als ihre eigenen gehandelt hat, auch vor sich selbst. Ihre Würde und menschliche Integrität hat Danielle nie gesehen. Die Ohrfeige ist die Schlussfanfare für Danielles fremdbestimmtes Leben …. oder wird sie in ihrer Selbstaufopferung fortfahren?

„Reading lessons“ von Edwidge Danticat, eine Kurzgeschichte für alle, die sich noch nicht für sich selbst entschieden haben.

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